Bis Køge, das war´s erstmal
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Als wir am 22. April 2008 losfuhren hatten wir die denkbar ungünstigsten Windverhältnisse, tapfer in über 10 Stunden - den Wind immer frontal ausgesetzt - trotzten wir uns 110 Kilometer bis Grömitz durch und Riderman war bei der Ankunft fix und foxi. Die befürchteten Muskelprobleme blieben glücklicherweise aus. Einen kurzen, wenn auch schmerzhaften Krampf nach ca. 50 Kilometern und für die folgenden viertausend Kilometer war Ruhe. Wir hatten die Fahrt ja völlig untrainiert mit nur hundertfünfzig gefahrenen Kilometern seit Jahresanfang, im Vertrauen auf eine erhalten gebliebene Grundkondition als Marathonläufer und Kampfrad begonnen und so war es auch; auf all den noch zu fahrenden Kilometern hatte er nicht einmal Probleme mit Muskeln, Gelenken, Rücken oder Kette. Am nächsten Morgen ging es nach Fehmarn weiten und nachmittags erreichten wir den Campingplatz in Puttgarden. Die ganze Fahrt über hatten wir dem Wind wieder Paroli zu bieten, hammerhart - immer von vorne kommend, fuhren wir eine Kurve schien der Wind auch gerade eine zu durchfahren. Teilweise war ein Vorwärtskommen nur im Schritttempo möglich. Nach dem Zeltaufbau stellte Riderman mit Schrecken fest, dass im Innenzelt Löcher waren, welche definitiv am Morgen noch nicht vorhanden gewesen waren. Durch den permanenten kalten Wind hatte er auch Probleme mit der Nasennebenhöhle, was zunehmend schmerzhafter wurde. Morgens drauf ging es mit Elan aber beginnenden Bedenken mit der Fähre über die Ostsee nach Rødby weiter, wieder dem Wind trotzend, der sich anscheinend gegen uns verschworen hatte, erreichten wir nach zwei Stunden schon leicht erschöpft Sakskøbing wo sich Riderman ein zweites Frühstück gönnte. In Dänemark sind die Wege sehr gut gekennzeichnet und so blieb uns Karten lesen und langes Wege suchen erspart aber richtig weiter kamen wir auch nicht, zu mindestens so gefühlt. Über eine sieben Kilometer lange Brücke fahrend, der Winde rieb sich die Hände als er uns kommen sah und war stolz seiner dicken Backen, erreichten wir erst am frühen Nachmittag Vordingborg und fuhren weiter über eine jetzt sehr befahrende Landstraße in Richtung København. Die Straße glich einer Achterbahn, das fast 35 Kilo schwere Gepäck, immer wieder plötzliche im Windsog der LKW`s, Zahnschmerzen, das Ohr war jetzt fast zu geschwollen - schlicht, wir hatte bös zu kämpfen.

Uns wurde klar, dass København an diesem Tag nicht mehr erreichbar war und entschieden die Etappe im 50 Kilometer entferntem Køge zu beenden, 130 Kilometer Tagesleistung sollten zu schaffen sein, - dachten wir. Es zeigte sich bald, fast von einem Kilometer auf den anderen, dass der Wind uns die Tagesdosis Energie bereits gekostet hatte, Riderman war platt - aber richtig. An einer Tankstelle machten wir eine kurze Pause und sahen auf der Karte ein "Vandrerhjem" im etwa zwanzig Kilometer entferntem Fakse eingezeichnet. Wir quälten uns bis dahin durch, die Fahrt wollte nicht enden, in keinem seiner Marathonläufe waren Riderman zwanzig Kilometer so lang und anstrengend erschienen wie jetzt. Als wir gegen 18 Uhr ankamen war es Riderman egal, dass er für ein Einzelzimmer ohne Frühstück 55 Euro zahlte, er gab ohnehin keine Alternative. Das Haus und auch die Leute waren voll ok. Riderman ging noch in eine Pizzeria und begann sich einen Kopf zu machen wie es jetzt weiter gehen sollte. So richtig auf die Reihe bekam er aber seine Gedanken nicht und so wollte erst mal den nächsten Morgen abwarten um zu sehen was mit seinem Ohr ist. Vor dem Einschlafen malte er sich aus wie es sein würde nördlich des Polarkreises mit einer Mittelohrentzündung, 44° Fiber, defektem Kocher, sechzehn gebrochenen Radspeichen, seit Tagen in der Dunkelheit - im Sommer sehr oft in Skandinavien plötzlich auftretend - in einem zerrissenen Zelt zu liegen. Die Gedanken wiederholten sich und das imaginäre Fieber stieg mit jeder Runde an. Jetzt war auch noch das Handy geklaut worden. Riderman schoss sich ein, er war ready to have the blues.

In aller Frühe fuhren wir am nächsten Morgen nach Køge, Riderman´s Ohr war weiter hin schmerzhaft zugeschwollen. Die wenigen Kilometer bis zum Campingplatz waren kein großes Problem; das Innenzelt hatte ein weiteres Loch dazu bekommen, wie Riderman beim Aufbau mit Sorge feststellte, der Stoff war aber nicht porös, die Löcher ließen sich nicht mit dem Finger vergrößern, es wurden einfach nur an jedem Tag mehr. Riderman hatte mal in einem Forum darüber gelesen, es war schon recht merkwürdig. Wie sollte es jetzt weitergehen. Wir überlegten nach Køpenhavn zu fahren um einen Arzt aufzusuchen, mit der Krankenauslandsversicherung der Europäischen Reiseversicherung waren wir ja auf höchstem Niveau abgesichert, ein neues Zelt kaufen, das Alte war jetzt schon als Risiko einzustufen; und nach ein oder zwei Tagen Pause die Fahrt fortzusetzen, als Riderman am Kiosk bei einem Kaffee mit einem Schweden, der am Polarkreis wohnte ins Gespräch kam und der uns, als er von unserem Reiseziel Nordkap hörte, sehr eindringlich von einer Weiterfahrt abriet da es zeitlich noch mindestens einen Monat zu früh sei und das Wetter uns in echte Notsituationen bringen könnte. Könnten, müssten, würde - trotzdem ein ungutes Gefühl begann sich zu etablieren, vielleicht war die Anhäufung der Missstände ein Wink, dass unsere Fahrt unter keinem guten Stern verlaufen sollte? Unser Talisman hatte sich heute Morgen während der Fahr schon mal von der Lenkstange gelöst und heimlich abgesetzt. Riderman machte zusehends dickere Backen und die Unschlüssigkeit löste sich auch nach einigen weiteren Bechern Kaffee nicht in Wohlwollen auf.

Die Konsequenz der Entscheidung schulterte schwer. "We don't need another hero" danke Tina, jeder Ratschlag zählte. Riderman wollte nicht warten bis er mit den Nerven völlig auf den Felgen war und entschied, am nächsten Morgen zurück zu fahren. Nach einer kurzen Nacht machten wir uns am Samstag in aller Frühe auf den Weg, der Wind erwies uns seine Treue und wechselte uns zur Ehre seine Richtung, wir fuhren wie die Bekloppten nur von zwei kurzen Pausen unterbrochen, tapfer und eisern gegen den Wind - und nach Puttgarden. Obwohl Riderman recht erschöpft war kam er auch in der folgenden Nacht nicht richtig in den Schlaf, der Zweifel an der Richtigkeit seiner Entscheidung zur Umkehr läutete wieder und wieder eine neue Runde des Haderns ein. Er war so unglücklich wie lange nicht mehr und kämpfte gegen eine beginnende Depression an. Seine Gefühle drohten sich selbständig zu machen. Morgens hatte er 38,4° erhöhte Temperatur und entschloss sich mit dem Zug nach Hamburg zu fahren, eigentlich wollten wir, wenn auch geschlagen so doch, aus eigener Kraft nach Hause fahren.

Es folgten harte Tage voller Selbstzweifel und die Unzufriedenheit mit seiner Entscheidung blieb konstant quälend. Zum Glück hatten ihn ein paar nette Leute angerufen und wieder etwas auf die Spur gesetzt. Am Dienstag hatte ich ihn soweit sich ein neues Zelt zu kauften. Im Laufe der Woche war die Ohrentzündung abgeklungen und die tägliche Kontrolle der aktuellen schwedischen Temperaturen via Internet ließ ganz langsam einen Friedensvertrag mit seiner Seele über die Richtigkeit des Tourabbruches zu.

© by Peter Bauermann, 2008

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