Aufbruch, der zweite
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Nach dem wir noch ein paar Tagestouren durch die nähere Umgebung gemacht hatten, starteten wir am 20. Mai zu unserem zweiten Versuch den Norden zu erkunden. Obwohl Riderman seit dreißig Jahren in Norddeutschland wohnt kennt er die Skandinavischen Länder, bis auf zwei kurze Besuche in Dänemark, überhaupt nicht. Wir fuhren über Bad Bramstedt in Richtung Flensburg und wollten auf einem Campingplatz bei Nortorf unser erstes Nachtlager aufschlagen. Die Tagesetappe war mit 80 km nicht besonders lang und wir ließen es gemütlich angehen. Riderman ist immer wieder überrascht wie sich fast automatisch beim passieren der Stadtgrenze ein neues Gefühl der Wahrnehmung der Außenwelt einstellt. Bob Dylan schien auch diesmal mit vertrauten Weisen aufzuspielen als wir wie beflügelt durch die Sonne, guter Dinge Richtung Norden rollten.

Viele kleine und auch größere Reisewidrigkeiten hat Riderman schon erlebt während seiner zahlreichen Radtouren, die Palette reicht vom einfachen Reifenplatten, über gebrochene Speichen oder einer glatt durchgebrochenen Hinterachse während eines Wolkenbruchs kurz vor Mitternacht auf einer entlegenen Landstraße und auch der Abstieg über die Lenkstange beim Versuch den Dynamo während der Fahrt zu justieren, was mit folgender sechswöchiger Arbeitsunfähigkeit auch die gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft zog. Der finale Rahmenbruch meiner Vorgängerin wurde ja bereits im Prolog ausführlich geschildert. Diesmal traf ihn das Schicksal geräusch- und völlig schmerzlos, aber nachhaltig peinlich direkt vom Himmel fallend. Wir sahen noch wie der Rabe, jetzt um so viel Gewicht erleichter, den über den Radfahrweg reichenden Ast locker und blöd grinsend, mit einem Gefühl der ultimativen Freiheit verließ. "Shit happend", Riderman blieb erstaunlich locker als er die Folgen dieser Attacke betrachtete. Wat nu? Wir hatten so gut wie kein Wasser mehr in der Flasche, ein Bach oder sonstige Wasserstelle war weit und breit nicht zu sehen, im fünf Kilometer entferntem Nortorf würde man uns wahrscheinlich, in diesem Zustand schon beim Erreichen der Stadtgrenze, unverzüglich dem Haftrichter vorführen, kurz wir hatten ein Problem, da war nichts mit mal eben von der Backe wischen zu machen. Riderman entschied zurück zu fahren, in der letzen Ortschaft hatte eine Dame uns aus ihrem Garten wohlwollend zu gewunken und sie würde bestimmt mit einem Eimer Wasser die Reinigung sowohl der Klamotten als auch der Situation sponsern. Es würde Glück bringen sagte die nette Dame und spendierte uns neben warmem Wasser auch noch reichlich Putzlappen. Es zeugte von Riderman´s Fürsorgeverhalten, dass zuerst meine Lenkstange und Radtasche gereinigt wurde. Die restlichen Tageskilometer waren schnell gefahren und wir hatten schon früh unser Zelt aufgebaut und ließen den Tag gemütlich ausklingen. Nachts hörte ich Riderman gleichmäßig schnarchen in seinem Hightech Schlafsack, während ich mir bei null Grad fast die Kette abgefroren habe.

Andern morgens brachen wir schon sehr früh auf und Riderman lief für mein dafürhalten reichlich neben der emotionalen Normalspur. Er wirkte recht angespannt und nervös, auf meine Fragen antwortete er, dass er sich vorkäme als ob er in eine Schlacht ziehen und nicht eine Urlaubsreise machen würde. Vor einer Bäckerei in Nortorf demonstrierte er mir mit einem Schwindelanfall, was unter psychosomatischen Störungen zu verstehen ist. Zitternd trank er seine Kaffee und kämpfte gegen drohende Panikattacken an. Er redete beruhigend auf sich ein, langsam und verständnisvoll, so hat er schon oft die emotionale Oberhoheit zurück gewonnen. Es klappte auch diesmal, eine halbe Stunde später waren wir auf dem "Ochsenweg" Richtung Rendsburg unterwegs. In Rendsburg muss der Nord-Ostsee-Kanal überquert werden, was auf verschiedene Weisen möglich ist. Wir nahmen die Schwebefähre, was schon recht beeindruckend war. Die Durchquerung der Stadt ist immer wieder aufs Neue eine logistische Herausforderung. Irgendwie hat man das Gefühl im Kreis zufahren und es dauerte schon recht lang bis wir die Stadt hinter uns gelassen hatten. Den Autolärm der Bundesstraße meidend, fuhren wir über Jübek auf Nebenstraßen Richtung Flensburg. Riderman hatte den ganzen Tag das Gefühl zu spät dran zu sein und hetzte mich von einem Dorf zum anderen. Irgendwie hatte es mehr von einer Flucht aus einem Krisengebiet als von einer Urlaubsfahrt. Meine Argumente solche Entfernungen habe es vor noch nicht allzu langer Zeit locker und und unbekümmert abgewandert fruchteten nur sehr langsam. Auf dem Campingplatz Jarplund bei Flensburg, den wir zu einer recht moderaten Zeit erreichten, schlugen wir unser Zelt an einer durch Hecken und Baumen recht schattig gehaltenen Stelle auf und entschieden einen Tag Pause einzulegen.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Dänemark rüber, schauten uns Padborg an, tauschten Geld und fuhren ein paar Kilometer in Richtung Aabenraa, Riderman kam sich vor als wenn er in einem anderen Erdteil unterwegs wäre, es wirkte alles total fremd auf ihn, er verspürte Unbehagen, was wohl eine Art Heimweh war, und dass zehn Kilometer hinter der Grenze. Ehrlich gab er zu, dass er lieber zu Hause bleiben würde. Die vor uns liegenden Kilometer bereiten ihm Unbehagen. Die abgebrochene Nordkapreise hatte wohl einen seelischen Schatten hinterlassen. Super, dachte ich, vielleicht kauft es sich jetzt eine Saisonkarte fürs Freibad. Eindringlich machte ich im klar, wenn wir nicht mindestens bis Göteborg fahren, besteht die Gefahr dass wir ganz schnell weg vom Fenster mit Blick aufs Abenteuer sind und das für immer. "Klar," sagte Riderman "weiß ich selber und deshalb fahren wir ja weiter." Abends lernten wir eine junge Dänin kennen, die mit einem Anhänger mit Unmengen an Gepäck mit ihrem Rad auf dem Weg nach Grenoble war um dort ein halbjährliches Praktikum zu absolvieren. Riderman war schwer beeindruckt und erinnerte sich wieder seines eigenen Pioniergeistes und mit einem Blick nach vor fegte er endgültig die ihn behindernden Reste der abgebrochen Nordkapreise zu Seite.

Freitagmorgen brachen wir in aller Frühe auf, frühstückten noch kurz vor der Grenze in einer Bäckerei wie immer Kuchen und ich hörte Riderman schon jaulen, dass er trotz der vielen Kilometer zu genommen habe. Welch Wunder bei seinem Kuchenkonsum. An der ersten Ampel in Dänemark fiel uns gleich auf was sich später immer wieder bestätigte, die Menschen in Skandinavien sind sehr verschlossen. In Deutschland grüßte man sich wenn man an der Ampel wartet, nicht in der Großstadt aber sonst schon recht durchgängig. Hier schaute man sich mit leeren Augen desinteressiert an. Bis auf wenige Ausnahmen war es auf der ganzen Reise so. Wenn Riderman grüßte wurden wir angestrahlt und zurück gegrüßt aber die Initiative musste von uns ausgehen. Wir haben die Menschen dort oben alle als ausgesprochen hilfsbereit erlebt aber mit "small talk" läuft da nicht viel. Unser Tagesziel war das etwa 90 Kilometer entfernte Kolding, wir befuhren die wenig frequentierte L 170, die Landschaft erinnerte uns, besonders als wir an einer in der Mittagssonne dastehenden Kirche vorbeifuhren, an den Mittelmeerraum. Südlich vor AAbenraa passierten wir einen Gedenkstein, der an den gewaltsamen Tod eines während des Überfalls der Deutschen gefallen dänischen Soldaten erinnert. König Christian X. hatte angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse einen Tag nach dem deutschen Überfall kapituliert, was aber F. Nielsen nichts nutze. Ein sinnloser Tod mehr, untergehend in der Anonymität der Kriegsstatik, für Riderman nochmal für einen Moment ins Leben zurück gekehrt.

Heute lief alles rund, wir kamen gut voran und gegen Mittag erreichten wir Haderslev, der Marktplatz lag im Sonnenschein, die Menschen saßen vor den Restaurants und machten Mittagspause, das war Mittelmeeratmosphäre pur. Wir machten eine ausgiebige Pause und Riderman ließ sich die dänische Küche schmecken. Angesichts der Abzocke in der deutschen Gastronomie seit der legendären Einführung des Teuros, war Dänemark auf dem Weg ein preiswertes Urlaubsland zu werden. Wir setzten unsere Fahrt Richtung Norden fort und fanden gleich aus der Stadt heraus. In Dänemark ist Reisen total easy, überall stehen Informationstafeln, welche Auskunft über Entfernungen, Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels, Herbergen, Campingplätzen mit Angabe der Telefonnummer geben. Sehenswürdigkeiten, Notrufnummern alles angegeben. Eigentlich bräuchte man keine Straßenkarten. Die in kurzen Abständen gehaltenen Rastplätze sind mit Bänken und Tischen und oft mit sanitären Anlagen ausgestattet, nix mit Bierdose in der Ecke, alles super sauber, nordisch frisch. In Christiansfeld, eine wunderschöne Ortschaft kurz vor Kolding, fragte uns die Eisverkäuferin, ob wir auf dem Weg ans Nordkap seien, wir würden so aussehen als ob wir dort hin wollten. In Riderman´s Brust stach es und auch meine Kette schluckte leise. Auf den letzten Kilometern bis zu Campingplatz in Kolding unterhielten wir uns mit einem Rennradfahren, der uns eigentlich überholen wollte und dann doch während eines längeren Gespräches neben uns herfuhr. Wir wurden noch einige Mal von Radfahrer angesprochen und über das woher wohin befragt. Sie waren alle sehr interessiert und passten gar nicht so in das skandinavische Raster der Kommunikation unter Fremden.

In Kolding auf dem Campingplatz waren wir von dem, wie sich später herausstellte für ganz Skandinavien üblichen, hohen Standard beeindruckt. Fast alle Plätze verfügen über aufs beste ausgestattete Küchen, Backofen, Mikrowelle alles bei. Durchweg fast immer sehr gemütlichen Aufenthaltsräumen mit Fernsehgeräten und Bücherecken und sehr gefelgten Sanitäranlagen. Die Besitzer scheinen sich einen Kopf zu machen wie sie ihre Gäste den Urlaub verschönern können, bei Preisen die eher unter deutschem Preisniveau liegen. Bis auf den Platz in Helsingör, der absolut schlecht und sehr teuer war, und eigentlich nicht mal als Alternative zu einer "unter der Brücke Übernachtung" taugte, waren wir von allen Plätzen total begeistert. Unser erster Tag in Dänemark war zu Ende gegangen. Riderman zurück auf dem Weg der Mutschöpfung aus der eigenen Kraft, meine Kette frisch geölt, die Sonne, aus ihrem rötlich schimmernden Nachtlager uns noch mal zublinzelnd, sich verabschiedend, freuten wir uns auf die Weiterfahrt am nächsten Morgen.

© by Peter Bauermann, 2008

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