Schweden, im Süden des Nordens
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Nach einem ausgiebigen Frühstück am Sonntagmorgen fuhren wir zum Hafen, um gegen zehn Uhr auf der Fähre "Stena - Jutlandica" unsere Reise nach Göteborg fortzusetzen. Zeitgleich traf eine Gruppe schwedischer Mopedfans, mit ihren Zündapp und Puch Oldtimern, am Fährableger ein. Sie machen jedes Jahr mit ihren betagten Relikten aus der Zeit der frühen fünfziger und sechziger Jahre eine größere Tour und seien nun nach ein paar Tagen Party in Skagen wieder auf dem Heimweg, erzählte uns Einer aus der "Gang" freundlich. So ein Fährschiff ist schon recht gewaltig, gemeinsam mit einigen hundert Motorrädern, Pkw´s und Trucks verbrachte ich die Überfahrt im Unterdeck, während sich Riderman in der Cafeteria bei Kaffee und Kuchen einen Bunten machte.

Als wir nach dreieinhalbstündiger Seefahrt in Göteborg von Bord fuhren, wähnten wir uns wie gerade in New York angekommen. Zwischen schweren Lkw´s und jeder Menge quirlig dem Hafenausgang zu steuernden Personenwagen fühlten wir uns so verloren wie ein Broker am Schwarzen Freitag. Zum Glück hatte eine sehr hilfsbereite Dame der Bordrezeption Riderman mit einer Campingplatzempfehlung und dem dazugehörenden Straßenplan ausgerüstet, so dass wir uns nach einer kurzen Orientierung auf den Weg machen konnten. Göteborg lag mit hochsommerlichen Temperaturen im mediterranen Sonnenschein und nur weil wir es wussten, haben wir uns nicht in einem fernen südlichen Land gewähnt. Quer durch die Stadt radelnd, erreichten wir nach einer Stunde, ohne viel nachgefragt zu haben, den hinter dem "Liseberg - Freizeitpark" gelegenen Campingplatz. "Einfach nur perfekt" reicht aus zur Beschreibung des Platzes und gerne sind wir zwei Nächte geblieben.

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Am nächten Morgen ließen wir es ruhig angehen, fuhren am späten Vormittag in die Innenstadt und weil es wohl, wie uns auch in den noch folgenden Ortschaften bestätigt wurde, durchaus schwedischer Standard zu sein scheint nur die Fernverkehrsstraßen auszuschildern, entschied Riderman erst mal den Weg aus der mit achthunderttausend Einwohnern zweit größten Metropole Schwedens heraus in Richtung Varberg zu suchen und bis an die Stadtgrenze zu fahren. Es war trotz unserer Karte ein recht zeitaufwendiges Unternehmen, ersparte uns aber für den nächsten Morgen, wenn wir schwerbeladen unterwegs sein würden, das Suchen. Kurz hinter der Stadtgrenze an einer mitten in der Landschaft stehenden Konditorei, Riderman besorgte sich schnell seine tägliche Dosis Kuchen, machten wir eine kleine Pause und fuhren in die City zurück. Vom Großstadtverkehr aufgenommen, ließen wir uns durch die fremde Stadt bis zu einem Park mitziehen, von einer Bank im Schatten einer dicken Eiche aus betrachtete Riderman das ungemein ruhig und entspannt wirkende Leben auf der angrenzenden Hauptstraße. Zu unserer großen Überraschung durchsuchten in relativ kurzer Zeit drei Passanten einen dort aufgestellten Mülleimer nach Verwertbaren. Lange saßen wir dort, Riderman gedachte Kurt Tucholsky, der wohl an den Folgen eines Suizidversuches hier im "Sahlgrenschen Krankenhaus" am 21. Dezember 1935 starb. Das Ignoranz und Gleichgültigkeit der Politik als auch der Gesellschaft seelisch und körperlich krankmachen können ist heute wohl noch aktueller als vor siebzig Jahren, erklärte mir Riderman.

In aller Frühe brachen wir am folgenden Tag in Richtung Varberg auf, mit etwa 90 Kilometern keine sportliche Herausforderung, schon eher eine logistische. In Schweden tendiert die Bereitschaft zur Wegausschilderung gegen null, selbst das Durchqueren einer Kleinstadt wie z. B. Kungsbacka mit seine 18.000 Einwohnern gelang uns erst nach reichlicher Nachfrage. Teilweise entpuppten sich die auf der Karte eingezeichneten Orte nur als eine Ansammlung diverser auf einer Holzleiste angeschraubter Briefkästen, eventuell mit einem Bauernhof im Hintergrund garniert; aber auch ein schönes Dorf mit Einkaufsmöglichkeiten, dann fast immer inklusiv der Präsens eines Farbgeschäftes, wohl eine Grundvoraussetzung für die vielen adretten Holzhäuser, konnte sich hinter der klangvollen Ortsbezeichnungen verbergen. Nach der Karteneinzeichnung war es nicht voraussehbar. Bei einer Rast in einem Teehaus, berichtete der iranische Besitzer Riderman aus seinem bewegten Leben, bevor er in Schweden eine neue Heimat fand, im Schatten eines großen Baumes hörten wir ihm interessiert und gerne zu. Gegen Mittag passierten wir das AKW Ringhals und als ob die Sonne ein Zeichen setzten wollte, empfand ich ihre Strahlung heute als besonders bedrohlich. Riderman meinte hin und wieder eine kleine Störung, ein paar besoffene Bauarbeiter, alles kein Grund zu Aufregung. War wohl sein spaßiger Tag. Vier Wochen später, am 11. Juli 2008 brannte das Dach eines Reaktors. Routine, kein Grund zur Aufregung, keep cool, eine Allianz der Vattenvall - E.On Connection hält schützend ihre Hände über uns. Alles nicht so tragisch, lehrte uns schon Tschernobyl. Bald danach erreichten wir Varberg, die teilweise auch in der City stehenden Holzhäuser rundeten das Stadtbild ansprechend ab. Der Campingplatz war leicht gefunden, obwohl sehr gut besucht, mit seiner großzügigen Aufteilung wirkte er recht einladend. Als Riderman zum Duschen war, versuchten ein paar Möwen unsere Thermobox zu knacken. Die Kumpels waren genauso dreist wie erfolglos. Mit einem leckeren Imbiss ließ er den Tag am Stand ausklingen.

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Gleich morgens um sechs Uhr machten wir uns auf nach Halmstad, dem Ziel unserer Tagesetappe. Mit 86 Kilometern wieder keine allzu große Sache und Riderman versprach mir es gemütlich angehen zu lassen. Der richtige Weg war dank der guten Beschreibung einer netten Dame schnell gefunden und guten Mutes ließen wir es unbeschwert über Morup in Richtung Falkenberg rollen, nur der aufopferungsvollen Hilfe einiger Passanten dort verdanken wir die Durchquerung dieser 18.000 Seelen Stadt, vor dem dann in einigen Monaten unweigerlich beginnenden Winter. Hammerhart, also nicht der Winter. Der weitere Weg führte über die jetzt zur Landstraße degradierten alte E 6, einsam aber vierspurig, versuchen wir bei sengender Hitze auf ihr cool zu bleiben. In Getinge machte wir Pause und Riderman trank in einem süßen Cafe bitteren Kaffee. Da wir nicht mehr auf der Betonpiste fahren wollten, versuchten wir unser Glück querfeldein und folgten dem Lauf einer total einsamen Nebenstraße, die sich in der Hitze langsam verflüssigte. Wir passierten einen Bauernhof mit einer nicht mehr benutzten Milchsammelstelle, hätte dort Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump, besser bekannt als Pippi Langstrumpf gesessen, es wäre durchgegangen. Nach etlichen weiteren Kilometer ohne einem Haus oder Auto auf der Straße begegnet zu sein, trafen wir auf ein vom Wind der Zeit zurecht gebogenes Buswartehäuschen, dessen Fahrpantafel die Abfahrt eines Busses nachts um halb vier verkündete. Geheimnis Fremde. Irgendwann bogen wir wieder auf eine Hauptstraße, die uns zielsicher nach Halmstad leitete. "Italien ist überall", dachte Riderman bei der Durchquerung dieser ja doch nordischen Schönheit. Das Geschick zeigte sich gnädig und wir fanden den Campingplatz schnell. Die Begeisterung über unsere Patzwahl hielt sich in Grenzen nicht nur wegen des Lärms der nahen Autobahn, der uns durch die Nacht begleiten sollte

Gleich mit dem ersten Tageslicht kloppte Riderman den Schlafsack in den Seesack, rollte das Zelt ein und weite ging´s in Richtung Süden. Mürrisch bestellte er an der ersten Tankstelle bei einer schlecht gelaunten Verkäuferin einen Kaffee. Negativ und negativ ergibt positiv, mathematisch. Bei der Bezahlung lächelten sie sich zu. Wir fuhren weiter auf dem Radfahrweg neben einer lauten und stark genutzten Bundesstraße, dass er sich immer weiter von der Hauptstraße entfernte war uns recht auch wenn es nach einem Umweg aussah. Irgendwann stellte er aber Mitten in der Wildnis seine Befahrbarkeit ein und mit einem dicken Hals schob Riderman mich querfeldein zur Hauptstraße. In Laholm, einer superschönen kleinen Stadt hielt Riderman in einem superschnuckeligen Cafe sein täglich zelebriertes Kuchenhappening ab. Ich wartete geduldig und sah zu, wie die Kunden der der gegenüberliegenden Apotheke an der Tür eine Nummer zogen und geduldig auf ihre Beratung warteten. Die Idee haben die Reisezentren der größten Bahnhöfe jetzt von der Apotheke übernommen. Gestärkt fuhren wir weiter, trafen Nuno einen portugiesischen Weltenbummler ohne Zeitdruck und nicht übertreffbarer Herzlichkeit auf seinen Weg zum Nordkap. Eine pensionierte Esso - Tankstelle ließ uns ins Staunen verfallen. Langsam näherten wir uns Helsingborg und mit jeder Abbiegung nahm der Verkehr zu. Auf der stark befahrenen Reichsstraße wies der Wegweiser des Kreisverkehrs die zweite Ausfahrt in Richtung Helsingborg - City aus. Arm raus, über die Schulter geblickt und schon kamen wir unserem Ziel näher, bis plötzlich die Straße zur Autobahn wurde. Wir mussten gut ein paar hundert Meter rückwärts zurück setzen, die an uns vorbei rauschenden Autos warnten uns vor dem, was wir eh schon wussten mit aufmunternden Hupen. Riderman´s Fluchfähigkeit beeindruckte mich nachhaltig. Irgendwann und irgendwie sind wir dann doch in Helsingborg, wenn auch genervt angekommen. Ein Passant zeigte uns den Weg zur Fähre und versorgte uns noch mit ein paar Infos. Tschüss Schweden, bis hoffentlich nächstes Jahr. Nach zwanzig Minuten erreichten die Schnellfähre Dänemark.

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In Helsingør war der Campingplatz schnell gefunden, er war der absolut teuerste und schlechteste der gesamten Reise. In allen Bereichen schlicht katastrophal, unvorstellbarer weise bis auf ein Ministellplätzchen total belegt. Das Niveau einzelner Camper hatte sich dem des Platzes bereits gut angepasst und noch heute verübel ich Riderman, dass wir eine Nacht blieben auch wenn er total erschöpft war. Fluchtartig hauten wir mit dem ersten Tageslicht ab. In Dänemark sind die Straßen wieder top ausgeschildert gewesen, die L 152 in Richtung København war gleich gefunden. Wir fuhren 50 Kilometer Strandpromenade. Villa neben Villa - "Elb-Chaussee" ultimativ. Ich überlegte mir wie viele Jahrzehnte ein einzelner Arbeitstag der Besitzer haben mag, um das alles verdienen zu können durch eigene Arbeit. Mit der Ernte einer achtstündigen Aussaat ist da nichts abzukochen. Riderman klärte mich über unseren Reichtum auf, "is alles jut so" sagte ich dankbar. In einer Bäckerei mit echten Wartenummern zum ziehen an der Tür, frühstückte Riderman - Kuchen of course - und kaufte sich ein Lüneburger Brød, just for sentimental reasons. Langsam empfing uns København, deren Durchquerung auch kartenlos keine besondere Schwierigkeit war, mit zwei Stunden aber recht zeitaufwendig. Auf der stark befahrenen L 151 steuerten wir bei sengender Hitze unserem Etappenziel Køge entgegen. Bei Tachostand 2.777 km wäre das Nordkap jetzt entfernungsmäßig gepackt worden. Der Frust ließ nochmal grüßen. Auf dem Campingplatz in Køge schloss sich ja irgendwie ein Kreis für jetzt uns. Zwei Tage blieben wir und genossen gleichermaßen den Platz als auch die schöne Stadt. In der Mittagshitze fühlten wir uns wohl im Schatten der Tannen, auf der Isomatte liegend verfolgte Riderman die sich ständig verändernden Wolkenbilder und genoss die Zeitlosigkeit der Zeit eine zeitlang. Am Sonntag fuhren wir versehen mit reichlich Rückenwind und da wir die Strecke ja kannten ohne uns viel orientieren zu müssen, in einer rekordverdächtigen Zeit nach Rødby. Je näher wir dem Abfertigungsterminal der Reederei kamen, je mehr verspürten wir ein Unbehagen Skandinavien zu verlassen. Irgendwie wirkte hier alles solider, sozial ausgewogener, auf jeden Fall nicht so herzlos wie in Deutschland. Die staatliche Fürsorge in einer kleinen Monarchie erschien uns ausgeprägter und solidarischer als die, sich um ständig noch mehr Ökonomiesierung bemühte, Staatsverwaltung im parlamentarischen Kapitalismus auch nur im Traum bereit wäre zu gewähren. Im aller günstigen Fall ist Gleichstand das Optimum an sozialem Fortschritt. "Tja, Frau Dr. Kanzlerin so sehn und fühlen wir dat". Für 12,50 Euro fuhren wir mit einer Scandlines Fähre zurück in die Fremde der Heimat.
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Der Campingplatz in Puttgarden war uns aus vergangenen Tagen noch gut bekannt, jetzt war er rappel voll, die im Bikini der Hitze trotzende Dame gesetzteren Alters an der Rezeption machte uns klar, dass die Stellplätze zugewiesen werden und Wunschkonzert im Radio läuft. Nach dem Zeltaufbau ging Riderman ins zum Platz gehörende Restaurant, erst nach dem er die Speisekarte verlangt hatte, durfte er partizipieren an der undercover Freundlichkeit des kroatischen Pächters. Der Gute hatte Angst gehabt, Riderman wollte sich nur bei einer Cola die Fußballspielübertragung der EM erschleichen. Schnell fühlten wir uns wieder zurück gekommen in good old Germany. Nach einer kurzen Nacht, wir wollten die 170 Kilometer bis Hamburg in einem Tag zurück legen, fuhren wir zeitig und zügig los. Gegen Mittag bekam Riderman die ersten psychosomatischen Gleichgewichtstörungen sobald er einen Raum betrat. Bäckerei, Tankstelle, Dönerbudde alles Hammerharterstress jetzt. Der Getränkekauf an einer Tankstelle in Segeberg ging als ein in sich geschlossener Abenteuerurlaub durch. Riderman kennt die Symptome der Beschwerden und hat gelernt aus den Angstschüben letztlich doch, wenn auch viel Kraft verbraucht zu haben, als Sieger heraus zu gehen. Gegen Abend sind wir dann doch noch ganz gut in Hamburg anbekommen und Riderman genoss es nach Wochen wieder ein festes Dach über dem Kopf zu haben. Ich machte mir noch einen Bunten in meinem muckeligen Keller und ließ das Erlebe Revue passieren.

© by Peter Bauermann, 2008

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