Augustjournal
So, nach dem der August nun vorbei ist ein kleines Journal. Ich hatte mit meinem Arbeitnehmer - schließlich mach ich ja die Arbeit und er nimmt sie in Empfang - drei Wochen Urlaub für diesen Monat vereinbart, erstes Wochenende sollte es losgehen. Nach dem ich letztes Jahr, der geneigte Leser wird sich erinnern, ja vierzehn Wochen Auszeit genießen konnte, standen mir diesmal die allgemein ortsüblichen drei Wochen zu Verfügung. Eine größere Tour erschien mit nicht ohne Stress machbar, den hab ich aber das ganze Jahr genug und so plante ich nur je eine Woche Wendland und Nordheide. Freitags hatte ich noch eine Spätschicht in der Servicebastion auf dem Zettel, welche unter dem Gesichtspunkt der individuellen, körpereigenen Energiebereitstellung leicht das Limit erreichen kann. Manche Arbeitstage haben etwas mit der aktiven Teilnahme an einem DRK Blutspende Termin gemeinsam. Is so, bleibt so aber ohne Knetet keine Fête. Samstag war ich noch recht platt und so machte ich mich erst Sonntagmorgen, wenn auch eher lustlos jedoch mit dem Wissen, dass der Appetit beim Essen kommt auf nach Soltau. Dort wollte ich eine Nacht bei Roeders bleiben und dann an die Elbe ins Wendland machen. Dort eine Woche, das hoffentlich nicht so strahlende Wetter in Gartow, einer Nachbarbargemeinde von Gorleben, genießen. Wie angenommen, kam bereits nach der Elbüberquerung in Finkenwerde Urlaubstimmung auf, nicht gerade XXL aber gut Medium. Nach ca. fünfzig Kilometern machte sich der Musculus adductor brevis - solche super Wörter bekommste bei WIKIPEDIA schnell und für lau frei Haus geliefert - wieder bemerkbar. Es ist phänomenal, jedes Jahr hab ich diese muskulären Probleme bei der ersten längeren Fahr, zwei bis dreimal starke und so was von schmerzhafte Krämpfe in den Oberschenkeln, die Beine sind steif und blockiert als seien sie auf ein Brett genagelt. Du kannst nicht richtig stehen, beugen oder dehnen, eigentlich kannst du dir nur den Schweiß von der Stirn putzen und dich darauf konzentrieren nicht über den zulässigen Dezibel Obergrenzewert mit deinem Geschrei zu kommen. War zwar bei weitem nicht meine erste Tour in diesem Jahr, die vorherigen Fahrten hatten die Muskeln aber augenscheinlich nicht mitgekommen. War wie immer, in der gesamten restlichen Zeit hatte ich nicht einmal wieder dieses Problem. In die Heide zu fahren ist jedes Mal für mich auch eine Zeitreise zurück in die Unbekümmertheit vergangener Tage. Eine völlig individuelle Wahrnehmung, nur subjektiv, objektiv nicht haltbar aber hier scheint die Welt noch heil. Kinderarzt Dr. Sonnenschein lässt jedesmal grüßen. Röders Campingplatz wie immer Weltniveau. Montagmorgen stellte ich fest, dass mein altes "Tatonka" Zelt nach fünfzehn Jahren tapferen Zusammenhalts, diese Tugend für die Reisverschlüsse nicht mehr gelten lassen wollte. Übernacht war einer von ihnen kaputt gegangen und ich entschloss mich nochmal nach Hamburg, diesmal mit der Bahn zufahren und bei "Globetrotter" mir ein Neues zu kaufen. Gesagt getan. Bin jetzt stolzer Besitzer eines "Tatonka Arctis 2" Zeltes, welches in diesem Urlaub mich schon von seiner Vorzüglichkeit überzeugte. Mein altes "Tatonka Mountain Dome" stellte mich in hunderten von Nächten auch immer sehr zufrieden, was ihm aber jetzt doch nicht die Tonne erspart hat. Wie sagte Ole: "alles hat seine Zeit." Da es an den folgenden Tagen morgens immer regnete und ich auch unter mittleren Motivationsstörungen litt, entschloss ich mich in Soltau zu bleiben und die Wendlandfahrt zu streichen, zumal es in Soltau auch manchmal strahlte, mein jetzt die Sonne. "Fury" und ich ritten das volle Programm ab. Mit dem reichlichen Verzehr von Kaffee und Kuchen bemühte ich mich einen bescheidenen Beitrag zur Steigerung des Bruttoinlandsproduktes des Kreises Soltau - Fallingbostel zu leisten, in der Hoffnung die zusätzlichen Kalorien schon zu verbrennen aber Waagen lügen nicht.

Es gibt ja nicht mehr viel Neues in der Nordheide für mich zu entdecken, diesmal gelang es mir doch, wenn auch nicht im positiven Sinn. Schon viele Male war ich in Wietzendorf, einer kleinen überschaubaren Dorfgemeinde gewesen und hatte die unscheinbar am Wegesrand stehenden Hinweisschilder gesehen aber nicht so richtig wahrgenommen. Windschief und leicht angerostet zeigten sie den Weg zu einer der vielen Kriegsgräberstätten dieser Gegend, in der in den letzen Kriegstagen noch unvorstellbare Kämpfe stattgefunden haben. Ich wollte mir die Gräber anschauen und folgte der Straße, alsbald hatte ich auf einen Weg abzubiegen, diesem folgend erreichte ich einen kleinen Parkplatz und von dort führte ein abgezäumter Waldweg mitten durch militärisches Speergebiet. Keine Menschenseele zusehen und von Zeit zu Zeit hörte ich Feuerstöße vom Truppenübungsplatz . Ich hatte gedacht einen kleinen Friedhof etwa wie den "Marinesoldatenfriedhof" in Kettenburg vorzufinden, weil ich noch nie was von diesem Friedhof gehört hatte und er auch nicht in meiner Karte eingezeichnet ist. Gleichermaßen erschrocken wie berührt fand ich einen sowjetischen Kriegsgefangenen-Friedhof vor. Sechzehn Tausend - die Einwohnerzahl der männlichen Bevölkerung von Soltau und Schneverdingen zusammen - tote Soldaten lagen hier tausende von Kilometern fern der Heimat verschart, bis auf ein paar später umgebettete Tote, Alle namenlos, eine Gedenktafeln, ein paar kleine Steinkreuze, ein zentraler Gedenkstein und sonst die leere Leere einer blumenlosen Wiese. Die Ruhestätte war gepflegt, professionell gewartet, es wirkte alles trist wie wohl das Leben und Sterben dieser vielen Maurer, Bäcker, Büroschreiber und Angehörigen aller anderen Berufe, die hier unter dem Pseudonym "Rotarmist" von ihren deutschen Kollegen geschächtet wurden, während wiederum deren Brüder in Sibirien von den Brüdern ihrer Opfer dem Hass geopfert wurden, war. "Dawai poidjom!" "Lass uns gehen" Ich verließ den Friedhof durch einen zweiten Zugang, der mich über eine Privatstraße des Bundes - so was gibt´s wirklich - an einem Biwak der Nato vorbei, wo ich Soldaten sah die mit voller Montur für den Krieg übten, der in Afghanistan ja nicht allzu schwer auszumachen ist, zurück in die Gegenwart. Ich war traurig. In der "Böhme Zeitung", der Soltauer Regionalzeitung, drückte in der täglichen Rubrik "Worauf ich mich freue" ein sechsundzwanzigjähriger Unteroffizier ganz unverhohlen seine Freude darüber aus, dass die Zeit des Wartens nun vorbei ist und er Anfang September endlich zum Hindukusch aufbrechen darf. Möge das Schicksal ihm gewogen bleiben und nicht mit vollen Brutalität den Kontext eines "bewaffneten Konflikts im Sinne des humanitären Völkerrechts" erklären. Es könnte schnell die letzte Erweiterung seiner Allgemeinbildung gewesen sein.

In Kroge überzeugte ich mich, dass der Schuhladenbesitzer weitergemacht hat, wie viele Paare der so im Jahr verkaufen mag, interessiert mich eigentlich schon sehr. Hodenhagen, Amelinghausen, Neuenkirchen, Verden usw. überall mal nach dem Rechten geschaut. Kamen so leicht tausend Kilometer Inspektionsfahrt zusammen. Nach zehn Tagen, jeder mit etwas Regen angereichert, hat ich die Faxen dick und fuhr zurück nach Hamburg. Elf Tage Urlaub waren noch nach. Zeit genug um einen Mikroprozessor Dauerbelastungstest zu starten, verlief voll positiv, das Touchpad meines Laptops wurde mollig warm und das Gebläse schrieb sich ein paar Überstunden an, sonsten aber alles ok verlaufen und wenn es zu dicke kommt, gibt es ja noch die Suchberatungsstelle. Der August war der seit der 1881 eingführten Wetteraufzeichnung der Nasseste aller Zeiten, mit durchschnittlich 134 Litern pro Quadratmeter, in Bayern waren irgendwo sogar 487 Liter runter gekommen, die wollen erstmal wieder nach oben gebracht werden. Ein neuer Nachbar ließ sich nicht abhalten ein Sommerfest zu starten, so mit Fackeln im Sturm. Überhaupt mit der Klimaveränderung, kann ja auch alles postume Propaganda ehemaliger kommunistischer Geheimdienste sein. So nu hab ich genug gesülzt, vielen Dank fürs bisher lesen. Die paar Minuten zum Lesen von Fury`s Beitrag sind vielleicht auch noch drin, sollte mich freuen, Ich sag schon mal Danke und vielleicht bis zum nächsten Journal.

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Dämmert es langsam oder wird´s ein schneller Morgen Eisen schlägt Holz Rollfeld Facharbeitermangel? Ne, mach immer alles selbst All you have to do is not zu quit Was hast du getan... Ein Kommen und Gehen Fête ohne Sonnenschein ist besser als im Herbst allein

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Lässig, zu einer Seite schräg abgestützt wartete ich auf Riderman, der hinter einem Busch zum pinkelnwar. Ich vertrieb mir die Zeit in dem ich die Wortfetzen, welche ich zuvor aus dem von der Elbe kommenen Wind heraus gefiltert hatte, sortierte.

- "Hast schon gehört, Ole hatte keine Bock mehr auf Meister. Die haben jetzt einen Neuen gewählt." - - "Ach was? Wie heißt der denn." - - "Sarrasani glaub ich." - - "Kommt vom Circus?" - - "Wieso?" - - "Na, wegen dem Namen." - - "Bin mir nicht ganz sicher mit dem Namen, kann auch Sarrazizky gewesen sein." - - "Also ich kenn einen Sarrazin, der ist aber Banker." - - "Haha voll lustig, Sarrazin ist ein Boxer, weiß ich aber hundert Pro." - - "Glaub es mir, der ist Chef von unser Bank." - - "Oh nee, hör doch auf, der ist Boxer, hab ich doch in der Biletto gelesen, dass der ein harter Rechtsausleger ist, hat den Hammerschlag, echt voll brutal, obwohl er eigentlich als Linksausleger begonnen war oder verwechsel ich da jetzt wat?" - - "Is ja auch egal, wissen wir noch immer nicht wie der neue Bürgermeister heißt." - - "Irgendwas von Circus oder Tierpark hatte der Name schon, Hagenbek, Althoff oder so ähnlich; bin jetzt aber auch voll im Tüddel. Der war auf jeden Fall mal Stallbursche, bevor er in die Politik ging." - - "Oh, ist ja voll der Aufsteiger, wie der FC St. Pauli, traumhaft, wenn die so weitermachen spielen die nächstes Jahr Schäpienslig, ich schwör´s." - - "Ja, der hat det aber auch richtig studiert, die Tierpflegerei, hat sich extra in einer bäuerlichen Stallburschenschaft in Heidelberg immaxekulviert." - - "Ja richtig so, eine gute Arbeitsfördermaßnahme vielleicht sogar noch sonsored von der Arge oder dem Baffeckamt macht sich immer gut in der Kad Persoakte. Ist im richtigen Leben genau so, bei uns auf Arbeit, wat meinste bei mir auf Werft, mit meinem Scheißschein bin ich da voll der King." - - "Schweißschein meinste." - - "Hab ich doch gesagt." - - "Ne hast´e nich, egal auch, muss jetzt los, noch die Budde aufräumen bevor Mutti von´e Schicht kommt, wird die erst mal sauer, kannst´e für ne´ Woche Sportkanal knicken und nicht nur den." - - "Joo, ich will auch noch zum Hafen runter, bisschen christlich Seefahrt kuken und bei die Werft die Verlängerung von die Krankschreibung in den Kasten tun. Hol mir noch ein Brötchen mit geräucherten Ahl, so von´e Hand in´en Mund an der Bude und dann geht´s auch gleich nach haus." - - "Jetzt wo du det gesächt hast bin ich kurz davor, dass mit der Name wieder einfällt vom neuen Bürgermeister. Er liegt mir reinweg auf der Zunge." - - "Mir liegen die eher schwer im Magen oder stehen mir im Hals. Vergieß es. Namen wechseln - die Inhalte bleiben. Politiker, sozial und kompetent; sensibele sehende Gerechte, sie würden keine Nacht mehr schlafen können und nach drei Wochen an Auszehrung gestorben sein." - - "Dann wär ja jeden Monat ne´ neue Wahl." - - "Da kannste voll für." - - "Jetzt muss ich aber wirklich los, lass mir doch nicht den Abend verderben durch so fiese Gedanken - also Tschüsikowski dann." - - "Jo, du mich auch" -

Riderman kam zurück, überprüfte mit einem kurzen aber präzise durchgeführten Griff den korrekten Verschluss seines Hosenschlitzes und bemühte sich beim Aufsteigen recht cool zu sein. "Warst aber lange pinkeln," sagte ich eher beiläufig. "Ne, für mein Alter war die Zeit eher gut." Gut ist fast immer gut; auch wenn´s nicht so gemeint ist, dachte ich mir und Riderman deutete durch das sanfte Herunterdrücken meines linken Pedales an, dass wir weiterfahren sollten. Das Leben liebt nicht die Statik sondern Bewegung. Es ist wie mit den Ventilkappen meiner Reifen, mal ganz oben um dann wieder tief unten zu sein. Revolution und Rotation. Wie lange mag die Sonne noch unser Freund sein?

© by Peter Bauermann, 2010

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