Aalborg, wir kommen
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Am nächsten Morgen brachen wir in aller Frühe auf, eine Umgehungsstraße sollte uns das Suchen des richtigen Weges innerhalb Koldings ersparen, als sie unvermittelt zur Autostraßen wurde, gratulierte ich Riderman zu dieser tollen Idee. Es dauerte einige Zeit den richtigen Weg zu finden, da es keine Hinweisschilder gab und auch keine Passanten zu dieser frühen Stunde unterwegs waren. Wir hatten bös zu suchen und setzten reichlich Zeit in den Asphalt. An einer Tankstelle wurde uns letztlich geholfen, was Riderman mit der Aufstockung seiner Kuchenvorräte dankbar honorierte. Den Wind im Rücken fuhren wir einen heißen Reifen, in Dänemark wir häufig die am Ortseingang elektronisch ermittelte aktuelle Geschwindigkeit auf einem Display angezeigt und die Autos reduzierten dann sichtbar ihr Tempo. Riderman hielt aber unverändert das Tempo und trat wie Jan in seinen besten Tagen in die Pedale. Wir fuhren stumpf Zumwinkel der Sensoren, unsere Geschwindigkeit wurde deshalb nicht erfasst und wir steuerten unbeschwert in Richtung Norden, ehrlich die Post ging voll ab; wir hatten Power, uns brauchte man nicht hinterher ziehen, zumal die Straße nicht so hügelig wie in Liechtenstein war.

Über Velje, dort unterhielten wir uns mit einem Afrikaner der es total "funny" fand mit dem Fahrrad nach Göteborg fahren zu wollen; wie war wohl sein Weg nach Dänemark verlaufen? Der L 170 seit der Grenze treu folgend erreichten wir gegen Mittag Horsens, da der Mensch bekanntlich nicht vom Kuchen allein lebt, entschloss sich Riderman zum Besuch eines amerikanischen Speiselokals. Andere Länder, gleiche Fritten. Durchs Fenster sah ich ihm zu, wie er sich eine recht geschmacksneutral aussehnende Frikadelle, mit bunten Soßen in einem Sesambrötchen optisch gut durchgestylt, einverleibte. Hunger kennt keine Gnade. In Gedved kauften wir in einem Supermarkt noch mal die wichtigsten Grundnahrungsmittel wie Schokoriegel, Kaugummi, Cola, Eis und Kekse ein. Die noch recht jugendliche Kassiererin, brach mit der dänischen Tradition des niemals zuerst lächeln und strahlte Riderman, der geduldig in der Schlange wartete, an. Mit einem lehrbuchgerechten "here you are" drückte sie ihm sehr souverän das Wechselgeld in die Hand. Vor dem Laden war zwischenzeitlich ein junger Vater, seine kleinen Töchter auf der Schulter geschickt balancierend, dabei mein Outfit mit einem Ausdruck von großem Interesse und Begeisterung im Gesicht, zu begutachten. Interessiert frage er Riderman nach Details zu mir und unserer Reise, nach einem kurzen Plausch verabschiedeten wie uns und fuhren die letzten zwanzig Kilometer bis Skanderborg. Der dortige Sø Campingplatz ist in eine ehemalige Obstbaumplantage integrierte und so einladend, dass wir spontan beschlossen zwei Tage zu bleiben. Die alten Obstbäume spendeten bereitwillig Schatten und animierten Riderman zu einer dem Zeltaufbau vorgezogenen Rast, er lag auf der tiefgrünen, kurz gehaltene Wiese, schaute in den blauen Himmel und erfreute sich eines grundlosen und deshalb so schönem Bauchseelenkombigefühls.

Andern tags fuhren wir mittags in die City, tauchten ein in die sonntägliche Behaglichkeit einer dänischen Kleinstadt, die Hauptstraße genoss voller Unschuld den Sonnenschein und ich fühlte mich in eine andere Welt gebeamt. Keine Graffitis, keine Bananenjoevonderrampegefallenensonderposten99centsuperschnäppchenläden an jeder Ecke, private Zeitarbeitsvermittlungsbüros in jedem zweiten Laden, komm´se rein - komm´se ran, hier werden´se bei der Entlohnung noch mehr beschießen als nebenan - Fehlanzeige. Ich mochte es nicht glauben als Riderman erzählte in Deutschland sei es vor einigen Jahren auch noch so gewesen, bevor die rosagrüne BastaDampfwalze nicht nur die Kultur des Hartz plattmachte. Nostalgie pur, hier zeugt die Gegenwart mit der Perspektive noch Zukunft und ein paar hundert Kilometer südlich schauen die achtjährigen Kinder Pornos, während die obdachlose Hinz & Kunzt Verkäuferin von einem Rentner vollgerotzt wird. Aber im Fußball sind wir besser, EM 92 - kann ja wohl mal passieren. Voller Stolz und Fürsorge lädt die Kanzlerin die Jungs vom DFB schon mal zum Plausch auf ein lecker Lachsschnittchen ins Kanzleramt ein und sendet vor jedem Spiel eine SMS. Die Jungs vom Rathausplatz dürfen dafür zur Hamburger Tafel, auf die Schnelle das nahende Verfalldatum der Graubrotschnitten verarschen. Riderman war in Fahrt gekommen und ich hoffte inständig, dass er mir nicht auf mein frisch poliertes Schutzblech kotzt. Schweigend fuhren wir zum Campingplatz zurück. Da Riderman noch immer satt war, gab es als Abendessen Eis am Stiel, vor dem Kiosk sitzend beobachteten wir stark beeindruckt wie der Campingplatzbesitzer die dänische Flagge einholte und sie sorgfältig gefaltet für die Nacht ins Haus holte.

Den nächsten Morgen brachen wir wieder sehr früh auf. Wir verließen gleich hinter Skanderborg, wo sich Riderman zum wievielten Mal wohl schon ein Kuchenfrühstück gönnte, die uns ans Herz gewachsene L 170 um auf der L 511 Richtung Randers zu fahren. Als wir die Autobahn überquerten, stellte ich beruhigt fest, dass zu minderst diese überall gleich aussehen. Es fing an zu regnen, innerhalb kürzester Zeit wirkte alles grau in grau und herbstlich. Seit geraumer Zeit war uns schon kein anderer Verkehrsteilnehmer mehr begegnet, als wir plötzlich in der Ferne das Logo einer Tankstelle sahen, weit und breit kein Haus nur Felder und eine Erdbeerplantage, steht da eine Oase am Wegesrand. In Dänemark gibt es in den Tankstellen so ziemlich alles zu kaufen, was das mitteleuropäische Verbraucherherz höher schlagen lasst. Mit einem heißen Kaffee, oh Wunder diesmal ohne Kuchen, in der Hand betrachtete Riderman das Plakat welches auf eine Veranstaltung in Skagen hinwies. Donovan, er hatte dessen Konzerte vor über drei Jahrzehnten unter anderem in der in Berlin Philharmonie gehört. "Kinder wie die Zeit vergeht", murmelte er, mir mit einem Tritt auf die Pedale deutend, ich möge weiter fahren. Zügig hatten wir schon bald Randers erreicht, mit 95.000 Tausend Einwohnern eine der größeren Städte in Dänemark; anders als in Schweden war es hier kein Problem den richtigen Weg durch die Stadt zu finden. Auf der anderen Seite der Stadt folgten wir dem Verlauf der L 180, die uns letztlich bis Frederikshavn begleitete, heute bis Hobro. Der am Stadtrand, an einem See gelegene Campingplatz ließ keine Wünsche offen. Bis auf eine Ausnahme hatten wir in Dänemark immer das Gefühl, die Besitzer machen sich anders als meistens in Deutschland echt einen Kopf wie sie den Aufenthalt verschönern können.

Bis Aalborg waren es nur gut 50 Kilometer und so ließen wir den neuen Tag recht locker angehen. Das abbrechen unseres Lages und verstauen der Ausrüstung war zwischenzeitlich zur Routine geworden und innerhalb ein paar Minuten war jedes Teil in der dafür vorgesehen Packtasche verstaut. Eine gleichmäßige Gewichtsverteilung ist während der Fahrt schon von Vorteil. Am Stadtrand sahen wir das erste und einzige Mal eine Gruppe Dänen im besten Erwerbsalter, die augenscheinlich bemüht waren durch Genuss von Tabak und Alkohol das dänische Steueraufkommen zu optimieren. Bei einem Sozialhilfesatz von 1.100 bis 1.500 Euro vielleicht ein eigenwilliger Ausdruck des Dankes an den Staat? Ich fragte Riderman ob die dänische Sozialhilfe "Olsen IV Geld" heißt, er meinte dies wär zu mindestens von der Aussagelogik her ok. Am frühen Nachmittag erreichten wir Aalborg, 120.000 Einwohner aber eine rush hour, die bei jedem Japaner Heimatgefühle erwecken würde. Viele Radfahren huschten konsequent jeden Helm verachtend, ziemlich geräuschlos und hoch riskant links und rechts an uns vorbei. Riderman nannte es aggressives Kampffahren, andern Morgen als ein Radfahrer uns high speed überholte, noch mal ordentlich in die Pedale trat, um dem Kleinlaster in den er voll straight reinfuhr zu zeigen was ne echte Harke ist, wusste ich was er meinte.

Mir fiel auf, dass vereinzelt die Autos ein Namensschild statt einer Nummer hatten, ist gegen eine besondere Gebühr machbar erfuhren wir. Riderman sagte: "Che -Rudi" sei ein schöner Autoname. Ein Blick auf die Klingeltafel eines Wohnhauses zeigte, dass die dänische Bevölkerung mit einem Ausländeranteil von unter 5 Prozent recht homogen ist. Hamburg ist mit 25 Prozent Ausländeranteil erfrischend bunter, als der dunkelblaue Hanseatenanzug in der Börsenkellerkantine befürchten lässt. Den Campingplatz fanden wir ohne Mühe. Die herzliche Dame an der Rezeption fragte uns ob wir auf dem Weg zum Nordkap seien, wir sehen auf jeden Fall so aus. Riderman fühlte sich kalt erwischt und auch meine Kette vibrierte ein wenig. "Soll schon werden nächstes Jahr, Alter" rief ich ihm zu, die Solidarität der Entträumten des Sommers 08 praktizierend. Der Platz war wieder ziemlich optimal ausgestattet, diesmal gab es sogar das Geschirrspülmittel nebst Bürste gestellt. Dänische Camperfürsorge. Als die Sonne unterging und der Himmel sich rot einfärbte, wunderte ich mich darüber, dass die Engel so zeitig mit der Weihnachtsbäckerei dieses Jahr begannen. Riderman sagte allen Ernstes, es sei gar nichts bewiesen und vielleicht alles nur ein schönes Märchen. "Nee" dachte ich mir, "wieso hältst du Ihn eigentlich für so vernünftig".

© by Peter Bauermann, 2008

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